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Historie des alten Quittenrefugiums

Das in Astheim a.M. mit bis zu hundertjährigen Quittengehölzen, die hierzulande ältesten obstbaulich angebauten Quittenkulturen wurzeln, verleiht dem Quittenlehrpfad an der Mainschleife schon ohnehin sein unikates Alleinstellungsmerkmal.
Die tatsächliche Besonderheit des idyllisch gelegenen Themenrundwanderwegs ergründet sich jedoch in der signifikanten Vernetzung geschichtlicher, geographischer und ökologischer Zusammenhänge.

Im Jahre 1409 siedelten sich Mönche des Kartäuserordens im damals noch Ostheim genannten Örtchen an, welche dort ein Kloster errichteten und bis 1803 die Dorfherren blieben.
Die in einer Solidargemeinschaft mit dem Kloster lebenden Dorfbewohner leisteten zu jener Zeit in der Landwirtschaft und dem Weinbau der Kartäusermönche einen Frondienst. 66 Häckerfamilien kamen in die Gunst von den Mönchen kleine Grundstücke als Lehen nutzen zu dürfen.
Nach der Säkularisierung von 1803 und dem Grundlastenablösungsgesetz von 1848 gewannen die Astheimer schließlich das Eigentumsrecht über den von ihnen bewirtschafteten Grund.
Da die vielen Einzelgrundstücke am Astheimer Nordhang nie richtig versteint wurden, ist die historische Parzellenstruktur in ihrem Originalzustand fast weitestgehend erhalten geblieben. Inwieweit die Verbreitung diverser Quittensorten in der Astheimer Gemarkung auf das ortsansässige Kloster zurück gehen, konnte bisher urkundlich nicht belegt werden.
Da aber die Kartäuser selbst schon 1650 in Paris die damals berühmteste Baumschule Frankreichs Chartreuse de Vauvert betrieben und ein Transfer von Edelreisern zwischen den Klöstern früher üblich war ist eine Verbreitung auf diesem Wege anzunehmen.
Frühestes schriftliches Zeugnis von Quittenobst an der Mainschleife stammt von dem Volkacher Stadtschreiber Niklas Brobst, der 1506 im Salbuch notierte, dass er selbst einen Verwandten zum neuen Jahr Früchte zugesandt hat.

Durch mündliche Überlieferung wurde offenbart, dass während des Schienenausbaus der königlich Bayerischen Staatseisenbahn zwischen Seligenstadt und Volkach (1905-1909) ein weiterer Faktor, Einfluss auf die Sortenvielfalt der Quitten am Astheimer Nordhang nahm.
So wurde berichtet, dass ein Volkacher Vorarbeiter und leidenschaftlicher Imker seine italienischen Gastarbeiterkollegen die am Bau des Streckenabschnitts arbeiteten darum gebeten haben soll, ihm aus ihrem Heimaturlaub Akazien, Pfirsiche und Quittenstecklinge mitzubringen.

Der anfängliche Unmut der Kleingrundbesitzer wegen der quer durch die alten Obstparzellen verlaufende Bahnlinie war nur von kurzer Dauer. Denn der wirtschaftliche Aufschwung an der Mainschleife zu Beginn des letzten Jahrhunderts beruhte im Wesentlichen auf dem Güterverkehr der Eisenbahn.

Die sich schnell erwärmenden Sandböden und das milde Weinbauklima boten ideale Vorraussetzungen für den Zwetschgenanbau, sodass sich durch die neuen Absatzmärkte des Obsthandels über das Schienennetz die Volkacher Mainschleife binnen weniger Jahre zum größten Anbaugebiet für Zwetschgen in Bayern entwickelte.

Hinzu kam noch der Umstand das genau in diesem Zeitfenster in Franken erstmals die Reblaus auftrat, sowie die im Weinbau bis dato unbekannten Pilzkrankheit Peronospora, dessen Folgeschäden nicht absehbar waren, weshalb der Obstbau vorerst eine verlässliche Zukunftsperspektive bot.

Jene Häckerfamilien und Obstbauern aus Astheim, welche über Generationen über ein Eigentumsrecht der besagten Flurgrundstücke verfügten, die von den Einheimischen "Rangenteile" genannt, bewirtschafteten die historischen Obstparzellen in traditioneller Weise mit Zwetschgenbäumen, Kernobsthochstämmen, Quittengehölzen und Walnüssen.
Eine früher praktizierte Unterkultur der Obstbäume mit Rüben, Mais oder Bohnen wurde teilweise noch bis zum zweiten Weltkrieg beibehalten.

Die dort geernteten Quittenfrüchte fanden auf dem Obstgroßmarkt in Volkach oder direkt bei Astheimer Obsthändlern einen lohnenden Absatz und wurden von dort aus bis nach Thüringen und München weitergehandelt.
Um die Nachfrage nach Quittenfrüchten von der Mainschleife sättigen zu können, organisierte der Volkacher Obstgroßmarkt auch Sammelbestellungen von Pflanzgut aus deutschen Baumschulen. Über diesen Weg fanden auch die damals neueren Sorten Leskovacz, Vranja, Bereczki und Champion Eingang in die Flur.

In den 1950ern brach der Markt für Quittenobst jedoch schlagartig zusammen und das Interesse am heimischen Quittenanbau versiegte binnen weniger Jahre.
Je nach Facon der Grundstücksbesitzer wurden die Quittenbaumfelder in den Rangenteilen gerodet, oder man überließ sie der Verwilderung.

Dass die markanten Obstbauparzellen und einzigartiges Quittenrefugium, wie mit den Lokalsorten Astheimer Perlquitte oder Honigquitte überhaupt solange bestehen konnte, liegt in dem Paradoxum mit welcher Wertschätzung oder Gleichgültigkeit die Flurgrundstücke weitergehegt oder vernachlässigt wurden.

In der epochalen Verkettung vieler Zufälle, die der vom Kartäuserkloster geprägten Kulturlandschaft ihre Ursprünglichkeit gewährt haben, trug letztlich auch eine maßgebliche Entscheidung der Flurbereinigung mit bei. Denn nach einer modernen Landschaftsbewertung der vielen kleinen Flächen, den aberdutzenden Grundstückseigentümern, sowie der für den maschinellen Weinbau unrelevanten Nordhanglage, welche zudem noch von der Bahnlinie durchschnitten war, entschied man sich in den 1960ern von einer Flurbereinigung komplett abzusehen. Somit fanden keine großflächigen Streuobstrodungen oder eine Umgestaltung der Landschaft statt.

Mit den Rekultivierungsmaßnahmen der verwilderten und noch vorhandenen Quittenbestände durch das Fränkische Rekultivierungsprojekt alter Quittensorten steht die Nutzung der Rangenteile im 21. Jahrhundert nun primär in der Insitu-Erhaltung von genetischen Obstressourcen. Des weiteren konnte mit der Realisierung des Quittenlehrpfads und verbindlicher Landpachtverträge zwischen Astheimer Bürgern und dem Quittenprojekt auch langfristig der authentische Charakter vieler historischer Obstbaumparzellen gesichert werden.

In welchem biodiversen Kontext die Bewahrung und Pflege dieser vielfältigen Kulturlandschaft liegt, verdeutlicht auch eine Zählung vom Bund Naturschutz/Ortsgruppe Volkach bei der am Astheimer Nordhang, der als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist, ca. 70 Wildpflanzen und 55 Vogelarten gelistet wurden.

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